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-Street Art in Barcelona-

"Viele regen sich über solche Tags auf" sagt Mike und deutet auf das, was wir als eine riesige Schmiererei aus Buchstaben bezeichnen würden, an einer Hauswand, etwa zehn Meter über uns. "Für mich ist das Kunst!" Mike führt täglich Touristen und Streetart-Liebhaber durch die Gassen von Barcelona, zeigt ihnen versteckte Kunstwerke der Straße. "Überleg mal, wie dieser 'Tag' zustande gekommen ist. Der Künstler hat sich dieses Design ausgedacht, ist die Hauswand hochgeklettert, hat mit einem Farbabroller gearbeitet, wahrscheinlich hatte er noch zwei oder drei Helfer dabei, die den Farbroller in den Eimer getunkt, ihm angereicht haben und gleichzeitig aufgepasst haben, dass sie nicht von der Polizei erwischt werden." 

Mike (34) stammt eigentlich aus Kalifornien, seit zwei Jahren bietet er zusammen mit einem Freund die Barcelona Street Style Touren an. Er kennt die Geschichten hinter den Kunstwerken, wie die von einem jungen Mann, der seine Freundin in Kanada vermisste und ihr Gesicht auf jede Hauswand malte, damit er ihr Lächeln jeden Tag sehen konnte. Oder die von dem Mädchen, dessen Herz von einem Grafitti Künstler gebrochen wurde und sie in der ganzen Stadt fast 300 zerbrochene Ton-Herzen klebte. Bis sie eine neue Liebe fand. Seitdem hinterlässt sie nur noch Herzen.

Hinter jedem erkennt Mike die Handschrift der Künstler, auch wenn sie kein 'Tag' hinterlassen. Sobald er ein neues Werk auf seiner Tour entdeckt, huscht ein Grinsen über sein Gesicht. Sofort prüft er, ob die Farbe noch frisch ist oder fährt vorsichtig mit der Hand über ein Stencil. "Das hier ist neu. Das ist jetzt meine Hausaufgabe herauszufinden, um welchen Künstler es sich handelt", sagt Mike und deutet auf eine Qualle auf Packpapier, die jemand auf ein Tor geklebt hat. Manchmal bekommt er Anrufe von Künstlern, die ihm verraten, wo sie ein neues Kunstwerk geschaffen haben.

 

Alle Urban Art Werke haben etwas egozentrisches, sie schreien: "Schau hier bin ich! Das ist mein Name! Ich habe etwas zu sagen!" Oft sind die Stücke wie bei dem Künstler Whisbe politisch motiviert oder drücken den Gefühlszustand ihres Machers aus, ob der einstige Liebeskummer der Vegan Bunnies oder die Glücksgefühle von El Pez, der sich als Begründer des happy style bezeichnet. Und alle haben etwas vergängliches. Niemand weiß, ob die Stadt die Werke überpinselt oder andere Sprayer einfach ihr 'Tag' darüber setzen. Das ist eigentlich in der Szene verpönt, die Bilder eines anderen zu zerstören (bomben). Wenn ein Grafitti besonders lange bestehen und von Tags unberührt bleibt, zeigt es welchen Respekt der Künstler in der Szene hat. Doch es gibt auch Ausnahmen: Manche setzen ihr 'Tag' vorsichtig neben das Bild eines anderen, um damit auszusagen "Wow! Du hast meinen Respekt verdient."

Mike bietet seine Touren von Dienstag bis Sonntag an und wartet ab 14.00 Uhr direkt am Arc de Triomf. Die Touren sind unentgeltlich, Spenden natürlich willkommen.

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